Smart Glasses
Eine KI-Brille, die blinden Menschen ihre Umgebung beschreibt.
Ein funktionsfähiger Prototyp: Eine Kamera an der Brille fotografiert die Umgebung, ein Sprachmodell beschreibt das Bild, und die Beschreibung wird über einen Knochenschall-Kopfhörer vorgelesen – so bleiben die Ohren frei für Umgebungsgeräusche.
- Kontext
- Teamprojekt (3 Personen) im Redesign-Kurs, HfG Schwäbisch Gmünd
- Rolle
- Konzept, Hardware, Software, 3D-Visualisierung
- Werkzeuge
- Raspberry Pi 4, Node.js, OpenAI Vision & TTS, Blender
- Jahr
- 2024
Leitfrage
„Wie kann Technik blinden Menschen nicht nur Hindernisse melden, sondern vermitteln, wie eine Umgebung aussieht und wirkt?“
Vorgehen
Die Case Studies sind nach dem Double Diamond gegliedert: erst das Problem verstehen und schärfen, dann Lösungen entwickeln und umsetzen.
Discover
Verstehen
- Analyse bestehender Hilfsmittel
- Abgrenzung Orientierung vs. Wahrnehmung
Lücke: Hilfsmittel helfen bei Orientierung, nicht beim Erleben einer Umgebung.
Define
Definieren
- Recherche: Stufen und Formen der Sehbeeinträchtigung
- Gestaltungsziele formulieren
- Nutzungskontexte: draußen und drinnen
Vier Gestaltungsziele für ein tragbares System.
Develop
Entwickeln
- Systemarchitektur als Pipeline
- Prompt-Design für blinde Nutzende
- Interaktionskonzept mit zwei Modi
Ein System, dessen Verhalten über den Prompt gesteuert wird.
Deliver
Umsetzen
- Prototyp aus Standardkomponenten
- Node.js-Server mit OpenAI API
- 3D-Rekonstruktion in Blender
Funktionsfähiger, tragbarer Prototyp.
Discover
Verstehen
Ausgangslage
Mehr als Hindernisse erkennen.
Hilfsmittel für blinde Menschen konzentrieren sich meist auf Orientierung: Stock, Vibration, Warnton. Die Smart Glasses sollten zusätzlich vermitteln, wie eine Umgebung aussieht und wirkt – Szenerie, Stimmung, Menschen –, um soziale Teilhabe zu erleichtern.
Entstanden ist ein tragbarer Prototyp aus handelsüblichen Teilen: eine Schutzbrille als Träger, eine Kamera, ein Raspberry Pi und ein Knochenschall-Kopfhörer, der die Ohren für Umgebungsgeräusche frei lässt.
Define
Definieren
Recherche
Sehbeeinträchtigung ist nicht gleich Sehbeeinträchtigung.
Blind heißt selten, gar nichts zu sehen. In Deutschland gilt als sehbehindert, wer trotz Brille höchstens 30 Prozent Sehschärfe hat, als hochgradig sehbehindert ab 5 Prozent und als blind ab 2 Prozent – oder wenn das Gesichtsfeld entsprechend stark eingeschränkt ist. Viele blinde Menschen nehmen also noch Licht, Umrisse oder Bewegung wahr.
Ebenso wichtig ist, wie jemand sieht: Bei der Makuladegeneration fehlt die Bildmitte, beim Glaukom der Rand, beim Grauen Star ist alles trüb. Und es macht einen Unterschied, ob jemand von Geburt an blind ist oder das Sehen erst später verloren hat – davon hängt ab, ob eine Beschreibung mit Farben und Perspektive arbeiten kann. Diese Unterschiede bestimmen, welche Beschreibung hilfreich ist, und prägten das Prompt-Design.
Normales Sehen
Sehschärfe 100 %
Sehbehinderung
Sehschärfe höchstens 30 %
Hochgradige Sehbehinderung
Sehschärfe höchstens 5 %
Blindheit
Sehschärfe höchstens 2 % – Licht und Umrisse bleiben oft
Grauer Star (Katarakt)
Die Linse trübt sich: alles verschwommen, blass und blendend.
Grüner Star (Glaukom)
Der Sehnerv wird geschädigt: Ausfälle im Gesichtsfeld, oft vom Rand her.
Makuladegeneration (AMD)
Genau dort, wo man hinschaut, ist nichts zu erkennen; der Rand bleibt.
Diabetische Retinopathie
Geschädigte Netzhautgefäße: verstreute Ausfälle, verschwommenes Bild.
Retinitis pigmentosa
Erst Nachtblindheit, später Sehen wie durch eine Röhre.
Hemianopsie
Halbseitiger Ausfall des Gesichtsfelds, etwa nach einem Schlaganfall.
Gestaltungsziele
Was die Brille leisten sollte.
Beschreiben statt warnen
Szenerie, Stimmung und Menschen vermitteln – nicht nur Hindernisse.
Nicht isolieren
Ausgabe über Knochenschall, damit Betroffene in der Öffentlichkeit nicht von der akustischen Umgebung abgeschnitten werden.
Bedienbar ohne Sicht
Bedienung über einen Touchsensor statt über einen Bildschirm.
Passend zur Situation
Draußen ausführlich beschreiben, drinnen kurz und präzise orientieren.
Develop
Entwickeln
System
Vom Foto zur Sprachausgabe in sechs Schritten.
Aufnahme
Die Kamera an der Brille nimmt ein Bild auf.
Übertragung
Der Raspberry Pi 4 speichert es kurz und schickt es an einen Node.js-Server.
Analyse
Der Server sendet das Bild mit einem auf blinde Menschen zugeschnittenen Prompt an die OpenAI API.
Beschreibung
Das Modell liefert eine Beschreibung der Umgebung zurück.
Sprachsynthese
OpenAI TTS wandelt den Text in Audio um.
Ausgabe
Der Knochenschall-Kopfhörer spielt die Beschreibung ab.
Interaktion
Zwei Modi, eine Berührung.
Outdoor-Modus: ausführliche Beschreibungen von Umgebung, Szenerie und Atmosphäre – für Erkundung im Freien.
Indoor-Modus: kurze, präzise Hinweise zu Raum, Orientierung und Wegen – für Bewegung in Gebäuden.
Der Unterschied liegt allein im Prompt: Dieselbe Hardware liefert je nach Situation eine andere Art von Beschreibung.
Deliver
Umsetzen

Aufbau
Fünf Bauteile, ein tragbares System.
- 01KameraRaspberry-Pi-Kamera, nimmt die Umgebung aus Blickrichtung auf.
- 02Schutzbrille als TrägerLeicht, günstig und stabil genug für die Technik.
- 03TouchflächeWechselt zwischen Outdoor- und Indoor-Modus.
- 04Knochenschall-KopfhörerSpielt die Beschreibung ab, ohne die Ohren zu verdecken.
- 05Gehäuse am HinterkopfNimmt Elektronik und Stromversorgung auf.