AkDe
Digitale Verwaltung, neu gedacht: eine iOS-App, die Behördengänge nach Lebenslagen ordnet.
Bachelorarbeit. Aus einer heuristischen Evaluation von zehn Bürgerplattformen in fünf Ländern habe ich Designprinzipien abgeleitet und daraus einen lauffähigen iOS-Prototyp in Swift und SwiftUI entwickelt. Er bündelt alle Vorgänge eines Lebensereignisses in einem geführten Prozess – ohne dass Nutzende wissen müssen, welche Behörde zuständig ist.
- Kontext
- Bachelorarbeit, HfG Schwäbisch Gmünd
- Rolle
- Einzelarbeit – Recherche, Konzept, UX/UI, iOS-Entwicklung
- Werkzeuge
- Swift, SwiftUI, Xcode, Figma
- Jahr
- 2026
- Betreuung
- Prof. David Oswald, Prof. Gerhard Buurmann
Leitfrage
„Welche Designprinzipien machen digitale Bürgerplattformen in anderen europäischen Ländern erfolgreich – und wie lassen sie sich für eine nutzerorientierte Bürger-App in Deutschland adaptieren?“
Vorgehen
Die Case Studies sind nach dem Double Diamond gegliedert: erst das Problem verstehen und schärfen, dann Lösungen entwickeln und umsetzen.
Discover
Verstehen
- Desk Research (OZG, Normenkontrollrat)
- Heuristische Evaluation von 10 Systemen
- Bewertungsrahmen: 27 Kriterien, 4 Dimensionen
Erfolg ist eine Frage der Informationsarchitektur, nicht der Technik.
Define
Definieren
- Synthese der Befunde
- 8 Designprinzipien
- Value Proposition Canvas
- 4 Personas
Anforderungen an AkDe – jede aus einem Befund abgeleitet.
Develop
Entwickeln
- Five Planes nach Garrett
- Informationsarchitektur nach Lebenslagen
- User Flows für 3 Personas
Konzept einer App, die nach Lebenslagen statt nach Behörden navigiert.
Deliver
Umsetzen
- iOS-Prototyp in Swift/SwiftUI
- Designsystem als Code-Tokens
- Barrierefreiheit nach BITV 2.0
Lauffähiger Prototyp mit 77 modellierten Leistungen.
Discover
Verstehen
Problem
Ein Designproblem, kein Technologieproblem.
Das Onlinezugangsgesetz verpflichtet Bund, Länder und Kommunen seit 2017, 575 Verwaltungsleistungen digital anzubieten. Laut Nationalem Normenkontrollrat erfüllten 2023 nur rund fünf Prozent davon die gesetzlichen Anforderungen.
Das Ergebnis für Bürgerinnen und Bürger: Wer umzieht, BAföG beantragt und ein Führungszeugnis braucht, landet auf mehreren Portalen mit eigenen Logins, eigener Navigation und Medienbrüchen – ausdrucken, unterschreiben, einscannen. Die Portale funktionieren technisch, scheitern aber an der Frage, was Nutzende eigentlich erreichen wollen.
Methode
Zehn Systeme, ein einheitlicher Maßstab.
Grundlage ist eine heuristische Evaluation: Zwei deutsche Portale – ZuFi Baden-Württemberg und das Stuttgarter Serviceportal – wurden mit den Spitzenreitern des EU eGovernment Benchmarks verglichen: GOV.UK, Eesti.ee, Borger.dk und Suomi.fi sowie deren Bürger-Apps.
Der Bewertungsrahmen kombiniert vier etablierte Kataloge – Nielsens Heuristiken, WCAG 2.2, Mobile-Guidelines der Nielsen Norman Group und GDS-Patterns – zu 27 Kriterien. Jedes wird von 0 bis 4 bewertet, anhand derselben Testaufgaben wie „Melde dich um“ oder „Prüfe den Status deines Antrags“.
- 10
- Systeme evaluiert – Portale und Apps aus Deutschland, Großbritannien, Estland, Dänemark und Finnland
- 27
- Kriterien in vier Dimensionen: Usability, Barrierefreiheit, Mobile UX, E-Government
- 108
- Punkte maximal je Webportal, jedes Kriterium bewertet von 0 bis 4
Ergebnis
So schneiden die zehn Systeme ab.
- GOV.UKWeb100 %
- Eesti.eeWeb97 %
- Borger.dkWeb96 %
- Suomi.fiWeb89 %
- Suomi.fi AppApp85 %
- ZuFi Baden-WürttembergWeb79 %
- Eesti.ee AppApp75 %
- BorgerApp / MitIDApp72 %
- Stuttgart Service-PortalWeb69 %
- GOV.UK AppApp68 %
Define
Definieren
Synthese
Was die Besten gemeinsam haben.
Die Auswertung zeigt ein klares Muster: GOV.UK, Eesti.ee, Borger.dk und Suomi.fi erreichten 89 bis 100 % der Punkte – nicht wegen besserer Infrastruktur, sondern wegen einer konsequent nutzerorientierten Informationsarchitektur. Die deutschen Portale kamen auf 79 und 69 %.
Daraus habe ich acht Designprinzipien abgeleitet. Die wichtigsten: Navigation nach Lebenslagen statt nach Behörden (Borger.dk), durchgängig digitale Prozesse ohne Medienbruch (Suomi.fi), Plain Language als Vorschrift (GOV.UK), sowie Antragsstatus-Tracking und das Once-Only-Prinzip (Eesti.ee).
Personas
Vier Menschen, vier Anforderungsprofile.
Leon, 27
Junior-Entwickler, zieht um. Hohe digitale Kompetenz – zeigt, was Once-Only bei mehreren Anträgen spart.
Sarah, 38
Projektmanagerin in Teilzeit, zwei Kinder. Wenig Zeit – braucht Statusverfolgung statt Nachtelefonieren.
Hans, 67
Rentner, geringe digitale Kompetenz. Für ihn entscheiden Plain Language und Barrierefreiheit über Vertrauen.
Aisha, 34
Erzieherin, Türkisch als Muttersprache, nutzt Android. Macht Mehrsprachigkeit und die Grenzen einer iOS-App sichtbar.
Develop
Entwickeln
Konzept
Von unten nach oben: Garretts Five Planes als Rahmen.
Strategy
Menschen wollen Lebenslagen erledigen, nicht Behörden finden. Ein Satz, aus dem sich alles Weitere ableitet.
Scope
Leistungen vollständig in der App modellieren statt verlinken, BundID als einziges Login, Once-Only-Datenprofil.
Structure
Keine Behörde als Navigationspunkt. Stattdessen acht Lebenslagen – von „Wohnen & Umzug“ bis „Rente & Alter“.
Skeleton
Adaptives Dashboard: laufende Anträge zuerst, sonst die Lebenslagen. Jeder Screen beantwortet genau eine Frage.
Surface
iOS Human Interface Guidelines, WCAG 2.2 AA und Plain Language: „Führungszeugnis beantragen“ statt Paragrafendeutsch.
Deliver
Umsetzen
Flow 1 – digital
Ein Führungszeugnis in vier Schritten.
Vor dem ersten Tap sieht man, was einen erwartet: volldigital, 3–5 Werktage, 13 €, fünf Prozessschritte, drei Dokumente. Im Formular greift Once-Only – als sichtbarer Schritt mit Einwilligung, nicht als versteckter Haken. Danach erscheint der Antrag sofort in „Meine Anträge“, mit Vorgangsnummer und Status.
Flow 2 – vor Ort
Ehrlichkeit als Designprinzip.
Nicht alles ist digital möglich. Die Ummeldung verlangt in Deutschland noch persönliches Erscheinen – AkDe verschweigt das nicht. Der Button heißt dann „Zur Vorsprache vorbereiten“: Die App sagt, welche Dokumente man mitbringen muss (z. B. die Wohnungsgeberbestätigung nach § 19 BMG), was schon aus dem Profil bekannt ist, und verfolgt auch diesen analogen Vorgang in „Meine Anträge“.
Barrierefreiheit
Für alle nutzbar – nicht nur für die Mehrheit.
Öffentliche Stellen müssen nach BITV 2.0 barrierefrei sein. AkDe setzt das im Prototyp mit eigenen Einstellungen um: hoher Kontrast, reduzierte Bewegung, größere Touch-Flächen und eine Farbfilter-Simulation, mit der sich die App aus Sicht farbenblinder Menschen prüfen lässt.
Dazu kommt Sprache als Zugangshürde: Die Texte sind in Plain Language geschrieben, die Oberfläche ist in fünf Sprachen verfügbar – Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Türkisch.
Designsystem
Farbe trägt Bedeutung.
Das Farbsystem ist im Code als Tokens angelegt und unterstützt Hell- und Dunkelmodus sowie einen Hochkontrast-Modus. Grün steht für volldigitale Leistungen, Orange für Vorgänge vor Ort – Farbe ist dabei nie die einzige Information.
akGreen
#00A94F
Primär · volldigital
akOrange
#FF6A00
Vor Ort · Hinweise
akYellow
#FFC400
Akzent
akDark
#2B2B2B
Kontrast
akBackground
#F6F7F8
Hintergrund (hell)
Code
Jede Leistung ist ein Datensatz, kein Link.
enum DigitalStatus: String {
case volldigital = "Volldigital"
case teildigital = "Teildigital"
case persoenlich = "Persönlich"
var farbe: Color {
switch self {
case .volldigital: return .akGreen
case .teildigital: return .akOrange
case .persoenlich: return Color.akOrange
}
}
var icon: String {
switch self {
case .volldigital: return "checkmark.circle.fill"
case .teildigital: return "minus.circle.fill"
case .persoenlich: return "person.fill"
}
}
}
struct Leistung: Identifiable {
let id: String
let name: String
let behörde: String
let ebene: Verwaltungsebene // Bund, Land, Kommune
let kategorieId: String // die Lebenslage
let digitalStatus: DigitalStatus
let dauer: String
let kosten: String
let beschreibung: String
let icon: String
let schritte: [Schritt]
let dokumente: [Dokument]
let istFavorit: Bool
}- Jede Verwaltungsleistung ist als vollständiger Datensatz modelliert – mit Behörde, Verwaltungsebene, Kosten, Dauer, Prozessschritten und Dokumenten. Darauf bauen Suche, Detailansicht und Antragsformular auf.
- Die Lebenslage (kategorieId) ist das Ordnungsprinzip; die Behörde ist nur ein Attribut. So wird die Informationsarchitektur der Arbeit direkt im Code abgebildet.
- Der DigitalStatus steuert Farbe und Symbol zentral: Grün mit Haken für volldigital, Orange für Vorgänge mit Behördengang.
- 77
- Verwaltungsleistungen vollständig modelliert – mit Behörde, Dokumenten, Kosten und Dauer
- 286
- Prozessschritte, Ende-zu-Ende abgebildet – digital wie vor Ort
- 5
- Sprachen der Oberfläche: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Türkisch
Ergebnis
Ein lauffähiger Prototyp statt eines Konzeptpapiers.
AkDe läuft als native iOS-App mit vollständig modellierten Verwaltungsvorgängen und Mockdaten. Der Prototyp zeigt, dass die zentralen Konzepte umsetzbar sind: lebenslagenbasierte Informationsarchitektur, BundID als einheitliche Anmeldung gemäß OZG 2.0, Once-Only und durchgängige Prozesstransparenz – für digitale wie für analoge Leistungen.
Reflect
Reflexion
Grenzen & nächste Schritte
Was der Prototyp zeigt – und was nicht.
Die Bewertung beruht auf Expertenurteil: Eine heuristische Evaluation findet potenzielle Probleme, keine empirisch belegten. Der Prototyp arbeitet mit Mockdaten und ist nicht an echte Behördenschnittstellen angebunden; seine Wirkung hängt in der Praxis von BundID und einer behördenübergreifenden Integrationsschicht ab.
Der nächste Schritt wäre eine Nutzerstudie mit realen Testpersonen – besonders mit Menschen wie Hans, deren Hürden sich durch Heuristiken nur begrenzt erfassen lassen – sowie eine Umsetzung für Android und Web.